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Zur Usability mobiler Endgeräte. "Lassen Sie den mobilen Nutzer möglichst wenig tippen."

Ich bin auf dem Weg in die Schweiz, besuche dort eine Freundin, die ihren Geburtstag feiert. Normalerweise fahre ich nicht mit dem Zug, bevorzuge das Fliegen. Diesmal aber musste ich aus verschiedenen Gründen auf Schienenverkehr umsteigen. Fazit: sechs Stunden Fahrzeit. Gegenmittel: mein iPhone ...

Plötzlich die Lautsprecherdurchsage: Kurz vor der Schweizer Grenze müssen alle Fahrgäste wegen Gleisarbeiten auf Schienenersatzverkehr umsatteln. Mir ist schon vor Fahrtbeginn klar, dass ich unter diesen Umständen meinen Anschluss in St. Gallen verpassen und nach Zürich durchfahren müssen würde, daher ziehe ich mein iPhone aus der Schutzhülle, um auf www.bahn.de nach Anschluss-Alternativen zu suchen, ohne Aufpreis versteht sich, schließlich würde ich meine zwangsgeänderte Reiseroute nicht zu verantworten haben ...

Der Aufbau der Startseite dauert. UMTS funktioniert mittelmäßig. Ab und zu erlischt die 3G-Anzeige zu Gunsten des weniger beliebten „Edge“-Symbols. Ich warte und halte mein iPhone möglichst unauffällig ans Zugfenster. Schließlich soll ja nicht gleich jeder sehen, dass ein Vertreter der Immer-und-Überall-Online-Generation Probleme mit dem Empfang hat.
Nach zwei Seiten-Refreshs und gefühlten 5 Minuten Wartezeit endlich die Eingabemaske für die Fahrtauskunft. Ich stelle mit einem Doppeltouch auf den Bildschirm den optimalen Zoomfaktor ein, dann suche ich scrollend das Eingabefeld „Von“, die QWERTZ-Tastatur wird eingeblendet, ich will „Zürich“ eintippen, plötzlich holpert der Waggon, ich treffe den falschen Buchstaben, die automatische Worterkennung macht den Rest: im Feld steht „Zufuc“. Da „Zufuc“ aber lexikalischer Unsinn wäre, schlägt mir mein iPhone „Zugig“ vor. Da dies wiederum keine Stadt in der Schweiz ist, lösche ich das Wort und gebe es erneut ein. Zürich. Jetzt klicke ich auf „Fertig“.

Die Eingabe ist aber zu unspezifisch, denn mit „Zürich“ fangen sehr viele Haltestellen an. Deshalb klappt sinnigerweise ein Dropdownmenü mit allen verfügbaren Einträgen auf. „Lassen Sie den Benutzer möglichst wenig tippen“ fällt mir eine Überschrift aus dem Fachblog Fit-for-Usability zum Thema mobile Interfaces ein. „Realisieren Sie die Bedienung Ihres mobilen Endgeräts vorzugsweise als Direktmanipulation und vermeiden Sie, wenn möglich, textuelles Eintippen durch den Benutzer. […] Etwas zu suchen, zu sehen und schließlich auszuwählen, fällt deutlich leichter, als sich exakt an einen Begriff zu erinnern oder sich ihn auszudenken und (korrekt) einzugeben.“ (Quelle: http://www.fit-fuer-usability.de/archiv/lassen-sie-den-mobilen-benutzer-moglichst-wenig-tippen/)

Diese einfache Weisheit für mobile Datenbeschaffung wurde von bahn.de vorbildlich umgesetzt. Was aber, wenn das Menü zu viele Einträge hat, als dass sie alle auf meinem kleinen Smartphone-Bildschirm gelistet werden könnten? Ich mache deshalb die Fingergeste zum Runterscrollen, bin dabei etwas zu ungenau, plötzlich ist „ZRH Zurich Airport“ ausgewählt. Will ich aber nicht. Also: erneut Eingabefeld aktivieren, Eingabe per Backspace löschen, Eingabe von „Zürich“. Ich scrolle vorsichtig, finde irgendwann „Zürich HB“, wähle diesen Bahnhof aus, drücke auf „Fertig“ und aktiviere das Eingabefeld „Nach:“
Ich gebe „Lausanne“ ein, muss ebenfalls wieder mit einer Dropdownliste kämpfen, bin diesmal vorsichtiger, finde, ganz nach unten gescrollt, den gewünschten Eintrag und bestätige meine Eingabe.

In der vorbeiziehenden Landschaft bricht die Wolkendecke auf, die Sonne strahlt direkt auf mein Display. Die automatische Helligkeitsregulierung tut ihr Bestes, trotzdem muss ich mich frontal zum Fenster drehen. Jetzt kann ich das Display wieder halbwegs vernünftig lesen, mein Sitznachbar allerdings auch. Macht nichts, denke ich mir. So vertraulich ist es nun auch wieder nicht zu behandeln, dass ich, wie viele andere auch in diesem Zug, eine Routenalternative brauche.
Ich aktiviere ein paar Radiobuttons, um weitere Optionen festzulegen. Als ich fertig bin, möchte ich meine Einstellungen noch einmal überprüfen. Da das Display zu klein ist, scrolle ich mehrmals in alle Ecken der Seite, komme erleichtert zu dem Ergebnis, dass alles soweit passt und klicke auf „Suchen“. Doch weder 3G noch „E“ wird zwischenzeitlich angezeigt. Wir fahren durch einen Tunnel. Jegliches UMTS-Signal ist abhandengekommen.

Nach 1 Minute meldet der Browser einen Fehler, weil er die Seite nicht öffnen kann, während das iPhone darüber klagt, dass kein mobiles Datennetzwerk verfügbar sei. Ich klicke die Fehlermeldung weg und habe vorerst genug von mobiler Datenbeschaffung, aktiviere meine Tastensperre und beruhige mich mit etwas Zynismus: ich würde heute noch Zeit und somit Gelegenheit genug für besseren UMTS-Empfang haben. Nur: wann? Schließlich starre ich nicht pausenlos auf die Signalstärke-Anzeige auf meinem Display.
Ein Stunde später halten wir am nächsten Bahnhof, ich hoffe auf UMTS. Tatsächlich. Hier ist es wieder. Erneut führe ich die Suche aus und bin diesmal erfolgreich. Ich kenne nun meine neue, verspätete Ankunftszeit und wage trotz Gebührenaufschlags einen Anruf auf dem schweizer Handy meiner Freundin, damit sie weiß, dass sie mich erst um Halbeins nachts am Bahnhof abzuholen braucht. Als ich den Kontakt aus dem Adressbuch raussuche, fällt mein Blick auf die Akkustandsanzeige: nur noch 31%. Der ständige Versuch des Empfangsaufbaus zu einem UMTS-Signal hat den ohnehin schon schwachen Akku – wer hätts’s gedacht – enorm strapaziert.

Mein Fehler. Und da ich nicht weiß, wofür ich mein iPhone in den kommenden Stunden noch brauchen werde, beschließe ich, das Ladekabel aus meinem Koffer zu holen, bitte meinen Sitznachbarn, kurz aufzustehen, nehme den schweren Koffer herunter, greife das Kabel irgendwo zwischen zwei Hemden, hebe den Koffer wieder zurück auf die Ablage. Mein Sitznachbar, der sich, wie viele Reisende, mit seinem Netbook und einer DVD im wahrsten Sinne des Wortes die Zeit vertreibt, sieht meine Not und kommt meiner Bitte, sein Ladekabel aus der einzigen Steckdose in Reichweite zu ziehen und mir die Stromquelle für einige Zeit zu überlassen, höflicherweise zuvor.
Da das Kabel jedoch etwas zu kurz für die Strecke Steckdose-Ohr ist, um mir eine natürliche Haltung während des Telefonats zu ermöglichen, klingle ich erst in der Schweiz durch und vertröste meine Gastgeberin auf eine spätere Ankunftszeit, dann lege ich auf und schließe das Ladekabel an.

So. Nun wäre vorerst alles administriert, denke ich mir, und will das ladende SmartPhone irgendwo ablegen. Do auch die Strecke Steckdose-Minitisch kann vom Ladekabel nicht überbrückt werden. Ergo: keine vernünftige Ablage für mein Telefon, solange es lädt. Trotzig beschließe ich, das Gerät auf meinen Oberschenkel zu legen, schließe die Augen und suche den Halbschlaf des Reisenden.

Ich weiß nicht mehr, wie viel Reisezeit an mir vorbeigeflossen ist, als mich ein plötzlich eingehender Signalton aus meinem Dämmerzustand rüttelt. Ein Geschäftspartner versucht, mich zu einem Videotelefonat auf Skype einzuladen. Ich bin etwas verwirrt. Auf der einen Seite muss es wohl wichtig sein, sonst würde er mich nicht an meinem Urlaubstag erreichen wollen. Auf der anderen Seite möchte ich nicht die anderen Fahrgäste mit Videotelefonie belästigen. Und selbst mit Kopfhörern würden sie die Hälfte des Gesprächs mitbekommen. Doch meine Schallwandler sind ebenfalls tief im Trolley vergraben und deshalb nicht „available“. Und vertrauliche Informationen lassen sich hier im Zug ohnehin nicht besprechen.
Ich warte, bis es ausgeklingelt hat und beschließe, da das UMTS-Signal gerade stabil ist, ihm eine kurze Message zu skypen. Die Antwort kommt prompt zurück. Es geht um die Übersetzung eines deutschen Blog-Beitrags ins Englische. Da er nicht weiß, ob er den richtigen Text in Händen hält, bittet er mich, das gegenzuchecken, bevor er mit der Übersetzungsarbeit beginnt. Er sende gleich eine E-Mail mit der Datei, um die es gehe, im Anhang.

Die Mail mitsamt Datei kommt. Sofort schreibe ich ihm zurück, dass ich Dateien dieses Formats am iPhone nicht öffnen könne und er mir stattdessen ein PDF schicken müsse, das ich allerdings erst zwanzig Minuten später empfange, weil die UMTS-Verbindung mit einigen weiteren Aussetzern glänzt.
Endlich vertiefe ich mich im Text, da werde ich in meinen Studien unterbrochen, diesmal nicht von der Technik sondern von einem Menschen. Der „Kondukteur“, wie er in der Schweiz heißt, möchte meine Fahrkarte sehen. Ich zeige sie vor und frage ihn, ob die von mir recherchierte Ausweich-Strecke eine gute Alternative wäre. Er bejaht das.
Immerhin, denke ich, jetzt ist zumindest das geklärt: Ich senke den Blick zurück auf mein iPhone, suche die Stelle im Text, wo ich unterbrochen wurde, und vertiefe mich erneut in den Zeilen. Es geht um eine kritische Beleuchtung des mobilen Lernens, die ich für unseren Firmenblog verfasst habe und nun für unsere internationale Leserschaft ins Englische übersetzt haben wollte. Der Schwerpunkt des Textes: Wie effizient und motivierend ist die Usability von mobilen Endgeräten bei der Datenbeschaffung von unterwegs und somit auch im Rahmen von mobilem Lernen?

„Das ist der richtige Text. Aber lass Dir Zeit mit der Übersetzung.“ schreibe ich auf Skype zurück. „Ich verschiebe die Veröffentlichung. Habe eine andere Idee für einen Text.“ Und zwar diesen Blog-Text.
Denn für heute hatte ich genug von den mobilen Geräten. Unterwegs online sein ist, solange man davon spricht, ein schön klingendes Konzept. Aber bei der faktischen Bedienbarkeit liegt, wie so oft, der Teufel im Detail. Die Information und Kommunikation, die mit einem Desktoprechner (am Arbeitsplatz oder zu Hause) fehlerfrei, ohne Unterbrechungen oder Störungen und in einer Minute abgewickelt ist, benötigt mit mobilen Technologien ein Vielfaches an Zeit, und Nerven. Und solange das so bleibt, werde ich von unterwegs einfach immer nur das Überlebensnotwendigste machen – und anschließend solche Blog-Einträge verfassen, um mich abzureagieren.
Vielleicht bin ich auch nur in besonderem Maße von meinem Arbeitsplatz verwöhnt, wo zwei über Synergy 1.3.1 verbundene Rechner drei Bildschirme betreiben, meine VDSL-Leitung mit einem ordentlichen Datenstrom beeindruckt, ein spezieller Maustreiber mir nie mehr als einen Zentimeter Mausbewegung abverlangt, die ergonomische Tastatur energiesparendes Fingertanzenlassen ermöglicht und professionelle Adobe-Oberflächen kurze Navigationswege sicherstellen. Wer so ausgerüstet ist, mag mobile Devices von der Usability her nochmal in besonderem Maße zermürbend finden.

„Lassen Sie den mobilen User möglichst wenig tippen“ geht mir nochmal durch den Kopf. Ein ernstzunehmender Ansatz für eine Technologie, die aktuell noch immer in den Kinderschuhen steckt. Dann die Idee. Am wenigsten tippt man, wenn das SmartPhone – einfach aus ist.
Also switche ich mein iPhone off, überlasse meinem Sitznachbarn wieder die heiß begehrte Steckdose, und mache etwas, das auf Zugreisen fast schon Aufmerksamkeit erregt. Zwischen all den Reisenden mit ihren SmartPhones und Netbooks, iPads und iPods, Notebooks und PDAs. Ich schaue der Landschaft beim Vorüberziehen zu und freue mich auf das Treffen mit einem Menschen, den ich seit über drei Jahren nicht mehr gesehen habe.

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